Dieses Ding mit den Bergen…

Ich weiss nicht, ob ich Berge liebe oder hasse. Irgendwie beides.

Voller Ehrfurcht schaue ich mir Bilder von Menschen an, die in den Bergen sind. Furchtlos, mit gestählten Beinen. Und behaupte einfach immer, ich fände wandern langweilig damit sie mich nicht mitnehmen wollen. Aber im Geheimen… Bewundere ich sie.

Seit einer Weile gehe ich immer wieder mal wieder in ein Haus in den Bergen. Und bleibe meistens im Haus oder in seiner Nähe. Schaue stundenlang aus dem Fenster, genau jetzt braut sich ein Gewitter zusammen über den Berggipfel und es donnert als wäre die Apokalypse bereit, sich über uns zu rollen.
Beim ersten Mal als ich her kam, hatte ich bereits bei der Anfahrt Panik. Weil ich so nahe an die Berge ran fahren musste. Es erschien mir als absolut suizidal, ein Haus in die Nähe eines Berges zu bauen, denn klar, bis heute ist noch kein Berg einfach so plötzlich umgefallen. Aber man weiss nie, wann das erste Mal ist!
Heute beim ca. 5. Mal hier beschloss ich, dass ich nun genügend akklimatisiert sei und diese Riesendinger mal aus der Nähe betrachten kann. Und fuhr los.

Zuerst machte ich Halt an einem Fluss.
Fluss kenne ich. Fluss ist mein Freund. Da kann ich sein. Dachte ich… Bis ich das Schild sah, auf dem stand, dass es gefährlich sei, sich im Flussbett aufzuhalten. Weil wegen einem Wasserwerk jederzeit Flutwellen kommen können. Ich rannte zurück zum Auto. Froh, die Flutwelle überlebt zu haben und gleichzeitig wütend weil es reiner Zufall war, dass ich dieses Schild sah. Bei mir zuhause stünde ein Stacheldrahtzaun inklusive Wachhunden dem Flussufer entlang, gäbe es die Möglichkeit einer Flutwelle. Aber nein – hier überlassen sie das Überleben ganz gerne dem Zufall. Schild nicht gesehen? Weil es bloss alle paar Kilometer ein Schild hat? „Hach ja… Dumm gelaufen, ich geh jetzt Ziegen melken.“
Ich fuhr weiter. Unmittelbar neben der Strasse war eine Felswand. Und der Fahrer vor mir fuhr mit max. 30 km/h dieser Felswand entlang. Ich kreischte hysterisch „Faaaahhhrrr! Ich schwöre, gleich kommt ein Felsbrocken auf die Strasse geschmettert! Faaaaahhrrrr!!!“ Aber er hörte nichts. Und ich bin mir sicher – selbst wenn er es gehört hätte, wäre es ihm egal gewesen. „Felsbrocken auf ihn rauf gefallen? Hach ja… Dumm gelaufen, hat schon wer die Kühe gefüttert?“

Schon ziemlich am Ende mit meinen Nerven fuhr ich weiter und bemerkte schockiert, dass ich kein Wasser dabei hatte. Nach dem ich all diese Todesgefahren überlebt hatte, drohte mir nun das Verdursten. Ich fuhr immer schneller. Weiter in die Berge rein, tiefer ins Nichts weil in mir das Bild von den Postkarten mit Restaurants in den Bergen war. Die sind doch überall!? Wenn man keine Kühe hat in den Bergen, hat man ein Restaurant! Und zwar eines mit süssen Namen wie „zum Heimetli“, „Käthys Stube“ oder „Sunneschyn“. Ich wollte zum Heimetli! Ich wollte zu Käthy! So sehr! Doch da war keines. Auch keine Brunnen! Auf Postkarten wird gelogen wie gedruckt! Es hat nicht bei jedem Haus in den Bergen einen Brunnen! Und nicht mal ein einziges Heidi hab ich gesehen! „Verdurstet? Hach… Dumm gelaufen!“
Dafür sah ich plötzlich etwas anderes. Eine Sesselbahn. Plötzlich hingen da diese Dinger mit Menschen drauf über mir, aller Schrecken war vergessen und ich jubelte: „Oh ich will auch! Ich will auf eine Sesselbahn! Wie to…“ Mitten im Satz blieb mir die Zunge am Gaumen kleben. Weil ich realisierte, dass Sesselbahn bedeutet, dass Menschen auf einem Sessel durch die Luft schweben. Auf einem Sessel!
Als gäbe es keine plötzlichen Stürme, die die Menschen da runter werfen können! Als gäbe es niemals Stromausfall. Als gäbe es keinen Blitz, Ausserirdische, Bären, die echt gut klettern können!
Ich war am Ende. Verloren am Ende der Welt mit Verrückten, die auf Sesseln rum flogen. Ich schaltete das Navi ein und sah, dass ich erst 10 Minuten weit weg von zuhause war.

Mit letzter Kraft fuhr ich nach Hause.
Und schaue nun die nächsten drei Tage fassungslos aus dem Fenster. Drüben am Berg stehen Häuser. Da leben Menschen. Diese Menschen überleben. Ich hab keine Ahnung wie die das schaffen. Vielleicht gerade weil es ihnen so egal ist, ob sie es schaffen. „Hach… ich lebe noch? Gut gelaufen. Wo ist Käru der Hund? Vom Yeti gefressen? Hach… dumm gelaufen.“

Ich erzählte meinem Bruder von dem Abenteuer. Er sagte: „Menschen wie wir sollten nicht alleine in der Natur sein.“ Was ich nicht einfach so hin nehmen konnte. Ich antwortete, ich sei sehr mutig und stark und ging zum Trotz in den Wald neben dem Haus spazieren. Da war ich schon ein paar Mal. Ausserdem bin ich sehr oft alleine in der Natur. Absolut kein Problem für mich wenn niemand von mir verlangt, dass ich auf einen Berg steige.
Nach ca. 200 Metern hörte ich ein merkwürdige Geräusch.
Und rannte.