
Hippie
Ich bin ein bekennender Hippie. Es gab für mich keine anderen Perspektiven, aufgewachsen mit Eltern, die sich nonstop Bob Dylan und Joan Baez anhörten. Und mit den Parties, die bei uns zuhause zwei Mal jährlich statt fanden – da kam jeweils eine ganze Horde Hippies zu uns nach Hause, sie rauchten merkwürdig geformte Zigaretten am Feuer und tanzten die ganze Nacht in unserem Wohnzimmer zu sämtlichem Hippiesound der auf Schallplatten zu finden war. Ich mitten drin, selig vor Glück über meine Lieblingsmusik in voller Lautstärke und euphorisch die neuesten Hippietanzmoves am nacheifern.
Eine Weile lang versuchte ich, so zu tun als sei ich wie die anderen Kinder in meinem Alter und schrieb mir alle als cool ernannten Bandnamen auf eine zerrissene Jeans. Take That, Vanilla Ice, etc. Doch irgendwann beschloss glücklicherweise die Cool-Deklarations-Crew unser Schule, dass Hippies nun das Grösste seien. Ich fackelte nicht lange rum und nähte mir während einer Mittagspause die krasseste Schlaghose, die die Welt je gesehen hat. So lang und weit, dass ich jeweils bis zu den Knien nasse Beine hatte wenn es regnete. Die Hose saugte gnadenlos allen Regen in sich auf, der das Emmental zur Verfügung stellte. Überschwemmungen gab es dort folglich nie zu dieser Zeit. Ich brachte mir das Rauchen bei, kurze Zeit später auch das Formen der merkwürdigen Zigaretten und klaute meinen Eltern die buntesten Wollpullis.
Mein Leben war perfekt.
Ausser im Winter.
Hippies trugen damals noch keine Winterschuhe. Die nasse Hose war ein Glatteisfeld und der Wind blies erbarmungslos durch die Maschen meiner Wollpullis. Ich trug mehrere von ihnen übereinander, es half nichts.
Ich hasste den Winter. Eigentlich hasste ich sogar die ganze Schweiz, denn ein Land, das jährlich monatelang Winter produziert ist ganz klar Menschenfeindlich.
Bis vor zwei Wochen. Da brannte mir irgend eine Hippie-Sicherung durch und ich raste mit meinem Auto in das nächste grössere Dorf. Im Stechschritt schoss ich in ein Geschäft, schnappte mir die erstbeste dieser hässlichen Schlafsack-Jacken, die seit ein paar Jahren alle tragen ausser wir Hippies und kaufte sie. Weiter ins nächste Geschäft, wo ich gleich noch eine zweite kaufte, zurück zu meinem Auto und rein in mein neues Leben.
Ich weiss, wir Hippes sehen so aus, als besässen wir null Eitelkeit. Doch das stimmt nicht. Wir haben durchaus Style. Er wird bloss selten als das erkannt. Schlafsack-Jacken sind ein Tabu bei uns. Es ist, als würdest du einem Hippster den Bart abrasieren. Einem Banker eine rosa Federboa umhängen. Einen HipHopper in Röhrchenjeans zwängen. Diese Jacken sind eigentlich einfach keine Option.
Und ich verliere nun vielleicht ein paar meiner Freunde weil sie sich zu sehr schämen für mich.
Aber… Und es tut mir sehr leid, das zu sagen liebe Freunde: Der Deal lohnt sich.
Zum ersten Mal klingen für mich Einladungen zum Spazieren im Winter nicht mehr wie Morddrohungen. Zum ersten Mal kann ich im Winter meine Brüste noch finden an mir weil sie nicht mehr verloren gehen neben all den Frostbeulen. Ich verstehe plötzlich Skifahrer. Bergwanderer. Menschen, die auch im Winter lächeln.
Und merke – eigentlich bin ich eine von ihnen. Es kam mir bloss 44 Jahre lang mein Style dazwischen, doch nun bin ich da. Bereit, mit meinen neuen Skifahrerfreunden durch die Wälder zu ziehen, mit ihnen merkwürdig geformte Zigaretten zu rauchen und Joan Baez… Ah… Nein… Ich glaube die rauchen nicht und hören sich Schlagermusik an. Egal. Ich bin dabei. Bei allem was ihr so macht, ihr süssen Wintermenschen. Ihr wandelnden Wattebäuschchen in all euren dick gepolsterten, glänzenden Winterkleidern.
Zeigt mir eure Welt, ich schreibe mir sogar die Namen eurer Schlagerhits auf meine Jacke falls ihr das mögt.
„Jo mei… Ich geh nimmer hei…“
„Holdrio, der Winter ist do“
Ich liebe euch.
Auf dem Foto: Ich und mein Schlafsack.

Höhlenforscherin

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