
Schatten
Gerade habe ich in einem Buch gelesen: „Licht und Dunkelheit würden ohne einander nicht existieren“. Ich denke, sie hätten vielleicht einfach keine Namen. Licht und Dunkelheit brauchen einander jedoch nicht um zu existieren. Sag mal der Sonne, es würde sie nicht geben, wäre es nicht so fürchterlich dunkel wenn sie gerade auf der anderen Seite der Erde ist. Wir wären sofort alle tot von den heftigen Sonnenstürmen, die ihr Lachen auslösen würde.
Und gleich kommt mir der Satz in den Sinn: „Wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten“. Der löst in mir seit jeher ein ungutes Gefühl aus. Schatten ist doch eher eine Folge schlechter Beleuchtung?!
Wenn ich ein Objekt einseitig beleuchte, wirft es einen Schatten, klar. Wenn ich es von allen Seiten gleichzeitig beleuchte, gibt es keinen Schatten. Ausserdem gibt es Schatten nur, wenn sich dem Licht etwas in den Weg stellt. Ohne Hindernis wirft Licht keine Schatten.
Zwischenmenschliches Beispiel: Ich schaue mir einen Menschen an und sehe Eigenschaften, die mich begeistern. Die beleuchte ich mit meiner Liebe. Und dann entdecke ich plötzlich auch noch Eigenschaften, die mir nicht gefallen. Dort kommt keine Liebe von mir hin. Und ich nenne sie Schattenseiten. Wie gemein ist das denn? Ich verstehe die Funktion dieser Seiten bloss nicht, sie entsprechen nicht den Bedürfnissen meiner eigenen Art oder ich kann die ihr zugehörigen Qualitäten einfach nicht erkennen.
Würde ich mir die Schattenseiten genauer anschauen, würde ich wohl merken, dass sie aus etwas Schönem entstanden sind, Schönes beinhalten oder Gutes bezwecken.
Z.B. habe ich einen Fluchtreflex in romantischen Beziehungen. Was man durchaus als Schattenseite von mir bezeichnen könnte. Diesen Reflex habe ich jedoch entwickelt, weil ich starke Verlustgefühle fühlte und mich nun beschützen möchte vor dem Schmerz in diesen Gefühlen. Mein Fluchtreflex ist also reiner Selbstschutz. Klar – nicht immer gerechtfertigt, jedoch immer ein Versuch von mir, gut auf mich aufzupassen. Wer das sieht, kann meinen Fluchtreflex nicht mehr als Schatten sehen. Weil er Sinn & Schönes beinhaltet. Auch diese Seite von mir kann geliebt werden, beleuchtet werden.
Ein anderes Beispiel: Ich erlebe es immer wieder, dass sich Menschen freuen über meine Art, mich in Projekte rein zu geben. Vollgas, unblaublich begeistert, voller Ideen, mit Haut und Haar, nach dem Projekt die Sintflut. Alle, die mit mir zusammen arbeiten, profitieren davon.
Und dann… nerven sich einige auch manchmal. „zu emotional, zu viel, zu schnell, zu unstet…“. Und vergessen, dass das alles zu dem gehört, was sie freut.
Es ist nicht die Schattenseite. Keine „vollkommene Begeisterung mit Haut und Haar Ideenfabrik vollgas Mirjam“ ohne viel, schnell, unstet & emotional. Es gehört alles zusammen!
Es kommt bloss die Andersartigkeit des Gegenübers dazwischen. Die nicht resoniert mit allem was in mir ist. Und plötzlich gibt es Schatten.
Oder es wird nicht gesehen, dass alles zusammen gehört und das Licht wird nur einzelnen Ergebnissen der vielschnellemotionalunstet Qualität geschenkt. Schwupps… Schatten.
Heisst für mich – wenn mich ein Mensch nervt, versuche ich mir bewusst zu machen, dass ich es bin, die nicht klar kommt mit Anteilen von diesem Menschen. Dass es wegen mir Schatten gibt weil ich nicht den gesamtem Menschen mit Licht bewerfen kann.
Das darf so sein. Wir müssen nicht alle mit allem klar kommen. Wir sind unterschiedlich und fühlen uns nicht alle mit dem Selben wohl. Ausserdem können wir vielleicht gar keine ringsum Beleuchtung erzeugen solange wir im Ich-Bewusstsein sind. Denn dann stehe ich an einem Ort und mein Licht kann einfach nur eine Seite von dem beleuchten, was vor mir steht.
Aber was nicht sein darf ist, dass ich behaupte, dieser Mensch hätte Schattenseiten. Ich darf nur sagen, dass ich es nicht vermag, dem Licht dieses Menschen nicht im Weg zu stehen oder sein Ganzes zu beleuchten.
Der Schatten entsteht im Auge des Betrachters… In der Unfähigkeit des Betrachtenden, genügend Licht zu werfen.
Erinnere mich bitte daran, wenn ich dir mal sage, dass du mich nervst. Du wirst mich dann wohl trotzdem noch nerven, aber ich werde mich daran erinnern, wie schön du bist. Und bei welchen Unterschieden mein Lichtwurf an seine Grenzen kommt.
Es kann und darf Schatten geben, wo Licht ist.
Aber es muss nicht.
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