Gefühle wollen gefühlt werden

Eine Zeit lang packte mich die Schreiblust bei lustigen Geschichten. Momentan bei Themen, die mit meinen inneren Entwicklungsprozessen zu tun haben. Und die sind oft nicht nur lustig. Für mich jedoch endlos spannend. Ent-wicklung aus so viel Verworrenem, Unklarem. Aus ewig gleichen Loops, die mich jahrelang in die selbe Wand knallen liessen. Jedes Mal mit der Erkenntnis, dass da eine Wand ist und ich einen anderen Weg wählen sollte, jedoch ohne zu wissen, wo genau dieser Weg liegt.
Ent-wicklung aus meinen Fesseln, Galgen, Wirrwollknäueln in Herz und Kopf.

Und ich will auch diese Sachen flaschenposten. Weil ich mich so freue über ent-wicklungen, dass ich sie gerne erzähle, weil ich hoffe, sie können auch anderen beim ent-wickeln helfen und weil mich interessiert, wie das andere erleben oder ob sie mir gar was dazu erzählen können, was ich noch nicht entdeckt habe. Ich freue mich immer sehr über die Mails von euch!

Der Einfachheit halber schreibe ich diesen Text Genderungerecht. Manfrau möge mir verzeihen.

Das liebe Leben ist so unterwegs, dass es uns dazu zwingt, manche Themen so intensiv anzuschauen, dass wir unausweichlich viel darüber lernen. In der Astrologie sind das die Quadrate. Die Spannungsaspekte. Diese Themen erscheinen höchst zuverlässig immer und immer wieder auf dem Parkett. Lassen sich nicht umgehen – egal wie laut man sie anschreit, bei der nächsten Gelegenheit kommen sie wieder fies grinsend um die Ecke geschossen.
„Schau mich an!“ zischen sie uns mit ihrem fauligen Atem ins Gesicht. „Schau mich an bis du mich wirklich erkannt hast“.
Es nervt! Es nervt wirklich ausserordentlich!
Und ich finde es absolut verständlich, dass wir oft sagen: „Dich kenne ich bereits! Du stinkst, bist hässlich und ich werde dir keine Sekunde in die Augen schauen! Beim letzten Mal sind meine Augen beinahe erblindet und dein Atem hat mich mit Cholera angesteckt. Das tue ich mir ganz sicher nie wieder an!“

Was jedoch diese Themen keinen Millimeter beeindruckt. Sie suchen sich einfach die nächste Ecke, hinter der sie auf uns warten. So lange bis wir sie anschauen. So lange und gründlich anschauen bis wir merken, dass unsere Augen nicht erblinden, sondern einfach noch nicht klar sehen und sein Atem bloss so stinkt weil wir ihm dauernd den Mund verbieten und es ihm somit an frischer Luft mangelt.
So lange, bis wir merken, dass vor uns eine überaus liebevolle, gutmütige Lehrerin steht.

Hinter meinen Ecken steht unter anderem das Thema „Umgang mit verletzenden, erschütternden Erlebnissen mit anderen Menschen“. Und es hat mich gestern was Geniales dazu gelehrt.
Was es mir zugeflüstert hat, will ich euch erzählen, muss dazu jedoch ein wenig ausholen:

Wir alle haben Verletzungen. Es scheint unmöglich zu sein, unverletzt durchs Leben zu kommen. Gehört offensichtlich zu dieser irrwitzigen Welt.
Wir alle tragen klaffende Wunden mit uns rum – oftmals sehen wir sie selber nicht, noch seltener werden sie von unseren Mitmenschen gesehen. So passiert es immer wieder mal, dass wer aus Versehen eine unserer Wunden berührt. Mit einem Wort, das uns an den Moment erinnert, als die Wunde entstand, mit einer Handlung, oder auch einfach nur einem Blick.
Unsere Erinnerung ist grandios! Es braucht ausserordentlich wenig damit sie sich haargenau an den Moment erinnert, in dem die Verletzung passierte. Und augenblicklich kommen die Gefühle hoch, die zum Moment des verletzt-werdens gehören. Denn die stecken noch alle in dieser Wunde.
Wie Gefühlspakete, die durch die feinste Berührung explodieren und sich gnadenlos entladen.
Diese Wunden mit den Gefühlspaketen sind unsere Triggerpunkte.
So hinken wir verwundet durchs Leben und dauernd gibts Explosionen weil es bei so vielen Menschen auf der Erde einfach unmöglich ist, dass wir über längere Zeit Wundenunberührt unterwegs sein können.
Während den Explosionen denken wir, der Wundenberührende sei Schuld an der Explosion. Und realisieren nicht, dass die Explosion bloss möglich ist, weil in uns bereits Wunden sind, in denen Gefühlspakete stecken. Je nach Art der Wunde werden wir wütend auf den Berührenden, schreien ihn an, bestrafen ihn, verlassen ihn, whatever…
Lassen alle Gefühle aus den Paketen an ihm raus und fühlen uns auch absolut berechtigt dazu. Während dem steht der Berührende blass vor Schreck und erstarrt da, versteht nicht, was gerade mit ihm geschieht und erhält davon wahrscheinlich eine Wunde mit kleinen Gefühlspaketen. Die bei der nächsten Berührung explodieren…
So verteilen wir Gefühlspakete in die ganze Welt und unsere eigene Explosion verursacht unzählige weitere Explosionen.

Schon seit Längerem weiss ich, wie wichtig es ist, in dem Moment, wo mich etwas extrem emotional macht, inne zu halten. Diese Emotionen als Warnsignal dafür zu erkennen, dass alles was ab diesem Zeitpunkt in mir abgeht, vielleicht nicht zu dem Menschen gehört, der mich gerade mit Worten, Taten, etc „berührt“ hat. Ein Erinnerer daran, nicht zu reagieren falls dies der Fall ist, und die Verantwortung für meinen getriggerten Zustand zu übernehmen.
Bisher versuchte ich in diesen Momenten, meine Lust, dem Berührenden die Hölle heiss zu machen, zu beruhigen. Eine Weile alleine sein, tief atmen, mich gut durchschütteln, in die Natur gehen… Ich machte alles um mich so rasch wie möglich beruhigen zu können damit der Berührende nichts abbekommt, was nicht zu ihm gehört.
Weil ich weiss, dass dieser Mensch bloss meine Wunden berührt hat und nichts dafür kann, dass ich sie habe. Und dass es nicht fair ist, meine Gefühlspaketrakete auf diesen Menschen zu ballern.

Aber dann… gestern… War ich so dermassen getriggert, dass ich mich nicht mehr beruhigen konnte. Stundenlang zitterten meine Hände, mein Herz trommelte Hardcore-Techno. Ich raste innerlich vor Wut, meine Augen blitzen böse und die Gefühlspakete waren so was von bereit zur Explosion.
Keine meiner Beruhigungsmethoden funktionierte und ich verwandelte mich in ein Monster. Bereit, den Berührenden bei lebendigem Leibe zu rösten, ihn danach in Fetzen zu reissen und aufzuessen. Jawoll. Genau so kann sich das in mir anfühlen. Sehr sympathisch, ich weiss.

Doch dann flüsterte mir meine Themenlehrerin zu: „Wenn du dich jetzt beruhigst, bleiben die Gefühlspakete da. Denn sie werden abermals nicht gefühlt. Sie verletzen zwar niemanden, aber sie verschwinden auch nicht. Bleiben für immer bereit zur Explosion.“
Diese Gefühle wollen gefühlt werden! Nichts anderes als das! So lange und so intensiv bis sie sich von alleine beruhigen weil sie wissen, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren ist.
Z.B. will meine Wut so lange wütend sein bis endlich komplett und kein winziges Stück weniger als wirklich absolut klar ist, dass es nicht ok war, wie mit mir umgegangen wurde. Meine Trauer will so lange trauern bis es wirklich klar ist – ja, das hat mich damals sehr verletzt.
Und wenn ich sie dauernd wieder beruhige, sage ich ihnen damit jedes Mal, dass sie nicht das Recht haben, so zu fühlen wie sie fühlen. Sage mir dadurch, dass es gar nicht so schlimm war, wie ich behandelt wurde. Dass die Verletzung nicht erwähnenswert sei.
Und die Pakete bleiben. Warten auf ihre nächste Chance, endlich mal explodieren zu dürfen, endlich mal gefühlt zu werden. Denn sie wissen es besser. Und lassen sich nicht beeindrucken von meinen beschwichtigenden, verharmlosenden Worten.

Also war klar – ich muss die Gefühle fühlen. Jedoch immer noch mit Verantwortung. Ohne dass der Berührende Gefühlsexplosionen abbekommt, die gar nicht zu ihm gehören.
Ich sagte zum Berührenden, dass ich grad fürchterlich wütend sei, ich jedoch wisse, dass von dieser Wut nur ein winzigkleines Stück zu ihm gehört. Dass ich nun wüten wolle und mich wieder beim ihm melden werde, wenn ich soweit bin, dass nicht zu ihm kommt, was nicht zu ihm gehört.
Und liess der Wut freien lauf. Fauchte, wütete, schlug auf einen Stuhl ein wie irr, sagte alle hässlichen Worte, die ich kenne, bebte, stampfte… Stand in meiner Vorstellung vor dem Menschen, der mir diese Wunde ursprünglich zugefügt hat und schrie, dass es nicht ok ist, mich so zu behandeln. Dass er ein verfluchter Pisser sei.
So lange und so intensiv, bis es sich in mir zu beruhigen begann.
Und ich mich innerlich plötzlich an die wandte, denen ich Wunden zugefügt habe durch meine unbedachten Paketentladungen. Sie um Verzeihung bat. Und gleichzeitig meinem Verwundenden ein wenig mehr verzeihen konnte weil auch er ein Verwundeter ist und einfach noch nicht realisiert hat, dass ich Triggernde, jedoch nicht Ursache seiner Wunde bin. Und weil Fehler machen ok ist.

Danach wurde es still in mir. Ich klaubte zerfetztes Paketpapier von meiner Haut. Von all den Paketen, die endlich mal so richtig entladen wurden. Ohne dadurch neue Pakete bei anderen Menschen kreiert zu haben.
Streichelte alle Pakete, die noch da sind. Die sich auf ihre Entladung freuen. Darauf, endlich mal gefühlt zu werden. Gesehen zu werden. Endlich mal anerkannt zu werden.
Und genoss das Nachbeben der Wut in mir. Welch faszinierende Kraft in ihr liegt… Sie, die meine Grenzen verteidigt wie eine Löwin. Für mich einsteht. Ohne wenn und aber.

Danke liebe Themenlehrerin. Du nervst so mit deiner Beharrlichkeit. Und ich liebe dich dafür.